Wanderfahrt auf dem Oberländischen Kanal

Wanderfahrt auf dem Oberländischen Kanal
Mit Lukasz Kaczmarek auf Weichsel und Oberländischem Kanal von Graudenz nach Eylau,
aus Hamburg dabei: Kai Daniels, Timo Dettmann, Christoph und Alexandra Wegner, Dirk Behrends


Nach unserer letztjährigen Rudertour in Polen auf Netze und Warte von Bromberg nach Landsberg, stand uns in diesem Jahr die streckentechnisch gesehen bisher schönste und abwechslungsreichste Fahrt auf Weichsel und Oberländischem Kanal bevor. Die Gesamtstrecke betrug 228 Kilometer.
Am Sonnabend d. 09. Juli reiste unsere 5-köpfige Gruppe nach Graudenz. Die Anfahrt dauerte 9 Stunden. Schon in Berlin trafen wir Margarete aus Göttingen, die erst 3 Wochen vorher mit uns auf der Mecklenburger Seenplatte gefahren war. Abends in Graudenz angekommen begrüßten wir den Fahrtenleiter Lukasz Kaczmarek und seinen Vater Grzegorz und riggten mit den bereits Angekommenen die Boote auf. Die meisten Mitruderer kannten wir bereits von früheren Fahrten. Die Gruppengröße betrug 28 Ruderer, die auf 5 Vierer und einen ungesteuerten Dreier verteilt wurden.
Am Sonntag fuhren wir auf der Weichsel von Graudenz nach Mewe (polnisch Gniew). Die Weichsel führte Niedrigwasser, ganz anders als auf unserer Weichselfahrt 2 Jahre zuvor. Zahlreiche Sandbänke zwangen dazu, Schlangenlinien auf dem Fluss zu fahren. Die Tagesstrecke erhöhte sich dadurch um 5 auf 47 km.  Bei gutem Wetter pausierten wir am Ostufer an einem schönen Sandstrand. Am Nachmittag legten wir am Ufer bei Mewe an. Es folgte eine Besichtigung der restaurierten Ritterburg, die ehedem zum Deutschen Orden gehörte. Im Hotel wurden uns nach dem Abendessen spielerisch noch einmal die Namen sämtlicher Teilnehmer ins Gedächtnis gerufen, danach sahen wir uns ohne großes Interesse das Endspiel der Fußballeuropameisterschaft an.
Am zweiten Rudertag verließen wir nach 10 Restkilometern die Weichsel und fuhren auf die Nogat, einen ehemaligen Mündungsarm der Weichsel, der jedoch nicht in die Danziger Bucht, sondern ins „Frische Haff“ mündet. Die Nogat ist mit einer Schleuse von der Weichsel getrennt und weist einen gleichbleibenden Wasserstand auf. Von dort ab fuhren wir auf strömungslosem Gewässer. Am Nachmittag erreichten wir den Ort Marienburg (Malbork). Die gleichnamige Burg ist der größte Backsteinbau Europas und war früher Sitz des Hochmeisters des Deutschritterordens.

Bild vom 12. Juli 2016: Ansicht vom Westufer der Nogat auf die Marienburg
Am Dienstag starteten wir in Richtung Elbing. Die Tagesetappe sollte 41 km lang sein. Nach ca. 25 km rasteten wir, Grzegorz hatte eine kleine Kuchen-Mittagspause vorbereitet. Einige Ruderer entflohen der Tageshitze indem sie ein Bad nahmen. Am Nachmittag fuhren wir in den Kanal Jagiellonski, den Verbindungskanal nach Elbing. Dort legten wir beim örtlichen Jachtclub an. Die Stadt Elbing wurde im zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstört, nach der Wende jedoch liebevoll restauriert. Ein Besuch dieser Stadt ist sehr zu empfehlen.
Der Mittwoch begann mit einer Stadtbesichtigung Elbings. Um die Mittagszeit legten die Boote auf den oberländischen Kanal ab. Heute sollten wir die ersten Rollberge erreichen. Vor 150 Jahren stellten die Rollberge eine wirtschaftliche Alternative zu einer Schleusenanlage dar. Mit insgesamt 5 Rollbergen wird dabei ein Höhenunterschied von knapp 100 m überwunden. Dabei werden Bootswagen mittels Wasserkraft eine schiefe Ebene hinaufgezogen. Es können Schiffe mit bis zu 100 t Gewicht gezogen werden. Wir trafen auf zahlreiche Touristenschiffe, die genau auf diese Kapazität und die Maße des Bootswagens ausgelegt waren. Das bergauf gelegene Gebiet wurde über den oberländischen Kanal direkt an die Danziger Bucht angebunden. Man ersparte sich einen ca. 600 km langen Umweg. Hauptexportartikel waren Holz und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse. Die Bedeutung des Kanals sank mit der zunehmenden Bedeutung der Eisenbahn. Heute stellen die Rollberge ein technisches Denkmal dar und werden nur noch zu touristischen Zwecken genutzt.
Die Benutzung funktioniert folgendermaßen: Man fährt in die im Wasser stehenden Bootswagen hinein und steigt auf den Bootswagen über. Das Boot schwimmt und wird mittels Leine oder Skull auf Position gehalten. Dann gibt man dem „Rollbergpersonal“ mittels Gong ein Zeichen, dass der Aufstieg beginnen kann. Während des Aufstiegs kommt der Bootswagen allmählich aus dem Wasser heraus und schließlich liegt das Ruderboot auf dem Bootswagen. Nach Passieren der Bergkuppe fährt der Bootswagen erneut ins Wasser, damit das Boot wieder aufschwimmt.

 Bild vom 13. Juli 2016: Aufstieg am Rollberg
Nachdem wir 2 von 5 Rollbergen passiert hatten, beendeten wir die Tagesetappe. Abends feierten wir noch den obligatorischen „typisch polnischen Abend“. Dabei zeigt Lukasz seinen deutschen Touristen, wie man korrekt Wodka konsumiert. Mittlerweile verfügen auch wir über einige Erfahrung.
Am nächsten Tag wurden zunächst die restlichen 3 Rollberge routiniert absolviert, danach besuchten wir das Museum des oberländischen Kanals. Der Kanal wurde vom preußischen Ingenieur Georg Steenke aus Königsberg entworfen und gebaut. Dabei wurden zahlreiche Innovationen umgesetzt. So besuchte Steenke z.B. den deutschstämmigen Ingenieur Johann Roebling in den USA der das Drahtseil zu höherer Tragfähigkeit weiterentwickelt hatte. Außerdem besuchte er ähnliche Rollbergkonstruktionen in den USA um dort sichtbare Fehler zu vermeiden. So setzte er im Eintauchbereich der Bootswagen ein doppeltes Schienensystem ein, um die Boote nahezu waagerecht ins Wasser zu führen.
Am Nachmittag ruderten wir noch bis Maldeuten (Maldyty). Mittlerweile befanden wir uns auf der Eylauer Seenplatte, die uns an die Mecklenburger Kleinseenplatte erinnerte. Leider trübten anhaltende Regenfälle den Genuss dieses Vorzuges.
Am Freitag führte uns die Strecke durch die weiterhin sehr reizvolle Landschaft. Die Mittagspause erfolgte in Liebemühl (Milomlyn). Unterwegs passierte ausgerechnet einem schon am ersten Rudertag auffälligen Steuermann ein schlimmes Malheur weil er einem anderen Boot zuwinken wollte: Sein Skull geriet in der Auslage so unglücklich unters Boot, dass der Steuerbordausleger verbog und der Skull brach. So etwas hatten wir auch noch nicht gesehen, allerdings wäre es auch ungewöhnlich, wenn auf einer Wanderfahrt mit derart vielen Teilnehmern nicht auch etwas schiefgehen würde. Ab dem Nachmittag ruderten wir auf dem Eylauer Kanal und legten nach 31 Tageskilometern am Kanalufer an. Die anschließende Busfahrt zu unserem Hotel wird wohl jedem in Erinnerung bleiben. Bei dröhnender Popmusik saßen wir im Schulbus und fuhren einen unbefestigten Weg entlang, der eigentlich Geländewagen vorbehalten sein sollte. Das Schlosshotel befand sich direkt an einem See. Einige Ruderer nutzten den Umstand für ein frühes Bad am nächsten Morgen.
Der letzte Rudertag führte uns über den Geserichsee (Jeziorak) als längsten See Polens nach Eylau (Illawa). Es herrschte perfektes Ruderwetter: wenig Wind, nicht zu warm, herrlich. Bei der Mittagspause, wenige Kilometer vor dem Ziel, erwartete uns Grzegorz mit kühlen Getränken und geschmierten Brötchen. So kurz vor dem Ziel fiel auch die tagelange Anspannung von Lukasz unserem jungen Fahrtenleiter ab: Er sprang vom Boot ins Wasser und schwamm an Land. Später am Ziel angekommen wurden noch die Boote mittels bewährter Lukasz-Schwipp-Schwapp-Technik saubergemacht und auf den Hänger verladen. Abends gab es noch einen sehr vergnüglichen Abend, bei dem wir uns voneinander verabschiedeten, denn einige Teilnehmer sollten bereits sehr früh am nächsten Morgen abreisen.

Resümee: Die Gruppe war mit 28 Ruderern außerordentlich groß und hatte beinahe den Charakter einer Gruppenbusreise. Weiterhin sind An- und Abreise mit dem Zug in die polnische Provinz äußerst langwierig. Andererseits war die Fahrtstrecke außergewöhnlich schön. Alles in allem ein gelungenes Event.
Dirk Behrends

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